800 Jahre und kein bisschen alt!

779
800
1222
1415-1486
1550
1618-1624
1635-1652
1803-1810
1852
1861
1878
1923-1974
1945
1975
1982
1983
1992

Ersterwähnung eines Ortes „bohholz“/“buocholt“

In den „Annalen des fränkischen Reiches“ der Regie­rung Karls d. Gr., wird ein Ort oder eine Gegend „bohholz“ oder „buocholt“ erwähnt. Dort besiegte Karl d. Gr. Im Zuge der Sachsenkriege 779 ein sächsisches Heer. Diese Namensnennung wird, obgleich lokal recht unsicher, als erste Erwähnung des heutigen Ortes Bocholt angesehen.

Gründung der "Urpfarre" St. Georg Bocholt

Zur Christianisierung des unterworfenen Sachsengebietes gründete Karl d. Gr. eine Reihe von Bistümern und Klöstern, darunter das Bistum Münster. Dessen erster Bischof, Liudger, organisierte sein Bistum in Pfarrbezirken, den später sog. „Urpfarren“. Die heutige St.-Georg-Kirche ist Pfarrkirche der Urpfarre Bocholt von 800. Seither ist die örtliche Identität Bocholts gesichert. Der Ort Bocholt ist also viel älter als 800 Jahre.

Verleihung des münsterischen Stadtrechts

Im Lauf der Zeit erhielten die Bischöfe von Münster zu den kirchlichen auch staatliche Funktionen und wurden zu Landesherren. In dieser Funktion verlieh der münsterische Bi­schof Dietrich III. am 17. Januar 1222 Bocholt die gleichen Rechte, die auch die Stadt Münster besaß: v. a. Selbstverwaltung, Selbstverteidigung, Markt- und Zollrecht und sicherte so seine Herrschaft am Westrand seines Fürstentums. 2022 feiert Bocholt das 800. Jubiläum seiner Stadtrechte.

Neubau der St.-Georgs-Kirche bis 1486

Die seit 800 bestehende Pfarrkirche St. Georg wurde immer wieder er­weitert oder umgebaut. 1415 wurde der Grundstein zum noch heute stehenden Bau gelegt. 70 Jah­re später war er vollendet: Eine Hallenkirche (Mittelschiff und Seitenschiffe sind unter einem Dach vereint) im spätgotischen Stil. Seither wurden nur noch Turm und Innenausstat­tung wesentlich verändert, zuletzt wegen der Zerstörungen im 2. Weltkrieg und der Liturgie­reform nach dem 2. Vatikanum.

Beginn der Baumwollweberei

Durch die Reformation entstanden verschiedene christliche Konfessionen. Die Zugehörigkeit zur „richtigen“ Konfession wurde lebensbestimmend: So mussten belgische Baumwollweber aus Glaubens­gründen nach Wesel emigrieren. Von dort gelangte ihr Knowhow – wie, ist un­klar – rasch nach Bocholt. Ab etwa 1550 wurde hier ein bis dahin unbekannter Rohstoff aus Übersee verarbeitet: Baumwolle. Zwei Jahrzehnte später gründeten diese Handwerker eine eigene Gilde, das „Baumseidenamt“, die Keimzelle der späteren Bocholter Textilindustrie.

Neubau des Historischen Rathauses

In sechs Jahren errichtete die Stadt ein neues Rathaus, obgleich ihr eigentlich das Geld fehl­te und sie Spenden einwerben und Schulden machen musste. Deswegen wur­de es nur ein schlichter Zweckbau, allerdings mit äußerst repräsentativer Fassade und sogar einem heute nicht mehr vorhandenen Türmchen. An den Schulden zahlte die Stadt über hundert Jahre, auch wegen unvorhersehbarer späterer Kriegslasten. Die Rathausfassade ist jedoch auch heute noch beeindruckend.

Besetzung durch hessische Truppen

Während des 30jährigen Krieges geriet Bocholt zwischen die Mühlsteine der großen Politik. Zwangsgelder, Plünderungen, verschiedene Besatzungen und Truppeneinquartierungen, dazu noch ein Pestausbruch 1635-37, schließlich ab 1635 eine 15jährige hessische Besat­zungszeit belasteten Stadt und Bürger. Die Hessen bauten die Stadtbefestigung festungsartig aus und brachen die Anlagen vor ihrem Abzug – erst 1½ Jahre nach Kriegsende – wieder ab. Die Bocholter Finanz- und Wirtschaftskraft war auf Jahrzehnte ruiniert.

Hauptstadt des Fürstentums Salm

Die grundlegenden Änderungen der französischen Revolution erreichten auch Bocholt. Das Fürstbistum Münster, dem die Stadt jahrhundertelang angehört hatte, wurde zerschlagen und in dessen westlichem Teil 1803 ein „Fürstentum Salm“ errichtet. Während der neue Lan­desherr auf Schloss Anholt residierte, wurde Bocholt Regierungssitz. Ende 1810 endete diese Episode schon wieder, ohne Spuren zu hinterlassen. Das Fürstentum wurde aufgeho­ben und dem Kaiserreich Frankreich einverleibt. Die Franzosenzeit ging noch schneller vorüber: Seit dem Freiheitskrieg 1812-15 gehörte Bocholt dann zur preußi­schen Provinz Westfalen.

Beginn der Industrialisierung

Seit 1852 stellten Bocholter Fabrikanten Dampfmaschinen auf, die in Fabriken Spinnmaschinen und Webstühle antrieben. Die Baum­wolle, die ja anders als Leinen oder Wolle von Übersee kam, wurde von Kaufleuten oder „Fa­brikanten“ beschafft. Sie stellten ärmeren Handwerkern auch ihren Webstuhl zur Verfügung und kauften die produzierten Stoffe auf. Durch Dampfkraft wurde die Produktion rasant gesteigert. Binnen 10 Jahren prägten Fa­brikschornsteine die Stadtsilhouette, Bocholt wurde Industriestadt.

Gründung der höheren Bürgerschule

Eine Schule betrieb die Stadt seit dem späten Mittelalter. Sie vermittelte aber nur Grund­kenntnisse in Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen. Nachdem ein 1785 eingerichtetes Minoritengymnasium vom französischen Kaiserreich aufgehoben worden war, gab es zunächst nur noch eine private Lateinschule, dann eine eher gewerblich ausgerichtete höhere Schule. Ab 1861 finanzierte die Stadt eine „höhere Bürgerschule“ für Jungen, aus der das heutige St.-Georg-Gymnasium hervorging. An höherer Mädchenbildung war die Stadt nicht interessiert. Auf Betreiben des Pfarrers richtete die Pfarrgemeinde 1866 ein Lyzeum ein, das heutige Mariengymnasi­um.

Anschluss an das Eisenbahnnetz

Ein großes Manko Bocholts war die Lage abseits großer Verkehrswege, was besonders die Textil­industrie beklagte. Die Cöln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft baute schließlich eine Bahnstrecke von Wesel nach Bocholt. 1878 war Bocholt dann an das deutsche Eisen­bahnnetz angeschlossen. 1880 kam ein Anschluss an das niederländische Netz in Winterswijk hinzu. Mit dem Bau einer Ost-West-Verbindung 1901 nach Empel, 1902 nach Borken, 1908 weiter nach Münster wurde Bocholt Bahnknotenpunkt, verlor diese Zentralität aber Mitte des 20. Jahrhunderts wieder. Heute existiert nur noch die Stichstrecke von Wesel.

Kreisfreiheit der Stadt Bocholt

1816 waren in Westfalen neue Verwaltungseinheiten, die Kreise, gegründet worden. Bocholt gehörte zum Kreis Borken. Dieser war sehr ländlich und landwirtschaftlich geprägt, während Bocholt immer mehr zur Industriestadt wurde und nicht mehr zum Umland passte. Trotz der fehlenden, notwendigen Einwohnerzahl, löste das preußische Innen­ministerium Bocholt deswegen 1923 aus dem Kreisverband heraus. Die Stadt bildete einen eigenen Stadtkreis, dessen Bürgermeister den Titel Oberbürgermeister trug.

Zerstörung der Innenstadt

Während des 2. Weltkrieges wurden auf Bocholt immer wieder Bomben abgeworfen, die er­sten am 10. Mai 1940 von einem deutschen Bomber, der sie im Anflug auf die überfallenen Niederlande verlor, die letzten am 22. März 1945 von englischen Bomberverbänden, die die gesamte Innenstadt zerstörten. Dieser verheerende Großangriff leitete das Ende der Nazi­herrschaft in Bocholt ein und prägt die heutige Erinnerung.

Kommunale Neugliederung

Weil Bocholts Sonderstellung 50 Jahre nach der „Auskreisung“ nicht mehr gerechtfertigt war – erforderlich waren 150 Tsd. Einwohner, Bocholt hatte 50 Tsd. – verlor die Stadt ihre Kreis­freiheit im Zuge der Gebietsreform von NRW 1975. Die Stadt gehört seitdem wie­der zum Kreis Borken. Obwohl anfangs heftig angefeindet, war die Reform ein Segen: Das Stadtgebiet versechsfachte sich, ermöglichte große Stadtentwicklungen: mehr Siedlungsge­bie­te und damit steigende Bevölkerung, die Verlegung des Krankenhauses aus dem Stadtkern und die Einrichtung neuer Gewerbege­biete war nur so möglich.

Einrichtung des Industrieparks Mussum

Nach dem Niedergang der Textilindustrie in den 1960er und 1970er Jahren drohte Bocholt eine wirtschaftliche Krise. Dank der großen Gebietsgewinne bei der kommunalen Neugliede­rung war es möglich, ein 3 km² großes neues Gewerbegebiet im Stadtteil Mussum einzurich­ten, damals das größte in NRW. Die Stadt investierte weit über 100 Mio. DM in Grunderwerb und Erschließung. Doch sie gewann damit bereits in den ersten Jahren 2.500 Arbeitsplätze. Aktuell wird das Gebiet erweitert und bietet über 7.000 Arbeits­plätze: eine städtische Erfolgsgeschichte.

Fertigstellung des Aasees

Hochwasser und Überschwemmungen gehörten zur Erfahrung Bocholts mit seinem Fluss. Das großflächige Hochwasser 1960, dessen Schadensausgleich die Stadt Millionen DM kostete, gab den Anstoß, ein gewaltiges Rückhaltebecken oberhalb des Überschwemmungsgebiets zu bauen, das zugleich als Naherholungsgebiet dient. 1975 wurde mit dem Bau begonnen, 1983 wurde die Anlage offiziell eröffnet.

Fachhochschul-Standort

Seit den 1960er Jahren bemühte Bocholt sich um eine Hochschule zur akademischen Ausbil­dung von Fachkräften für die örtliche Industrie. 1992 schließlich gründete das Land NRW die Fachhochschule Gelsenkirchen mit einer Außenstelle Bocholt. Diese hatte drei Fachbereiche: Wirtschaft, Elektrotechnik und Maschinenbau. Anfangs war sie in städtischen Gebäuden am Stenerner Weg untergebracht, Mitte 1998 wurde das heuti­ge Gebäude an der Münsterstraße fertig. Seit 2012 firmiert sie als „Westfälische Hochschu­le“, an der in Bocholt aktuell 2.000 Studenten in den Fachbereichen Maschinenbau, Wirt­schaft und Informationstechnik studieren.

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